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Rabbit-Hole-Effekt: EU-Kommission hält TikTok-Feed für schädlich

TikToks Empfehlungssystem kann Nutzer:innen schaden, hat die EU-Kommission heute vorläufig festgestellt. Der personalisierte Feed zeige Menschen immer mehr von dem, was sie zu interessieren scheint – auch wenn es dabei um psychische Probleme geht. Brüssel verlangt deswegen grundlegende Änderungen.

  • Anna Ströbele Romero
Ein trauriges Video führt zum nächsten – so kann es auf TikTok schnell abwärts gehen. – Gemeinfrei-ähnlich freigegeben durch unsplash.com: Benoit Beaumatin

Für viele hat TikTok eine immense Sorgwirkung. Das liegt daran, dass das Empfehlungssystem der Plattform schnell ermittelt, welche Inhalte jemanden am Bildschirm halten, und den sogenannten For-You-Feed entsprechend gestaltet. Heute hat die EU-Kommission vorläufig festgestellt, dass genau dieser Mechanismus gegen den europäischen Digital Services Act (DSA) verstößt.

Der personalisierte Feed zeige Nutzer:innen nämlich auch wiederholt schädliche Inhalte, etwa zu selbstverletzendem Verhalten, zum Abnehmen oder zum Körperbild. Je mehr eine Person mit einer bestimmten Art von Inhalt interagiere, desto mehr Inhalte dieser Art zeige TikToks Feed. Das könne negative Folgen haben, wie ein Sprecher der Kommission am heutigen Freitag erklärt hat: Stress, Traurigkeit, Angst, ein geringes Selbstwertgefühl, Körperunzufriedenheit sowie die Verschlechterung bestehender Essstörungen oder anderer psychischer Probleme.

Die EU-Kommission spricht von einem Kaninchenbau-Effekt, auf Englisch „Rabbit Hole“. Der bildhafte Ausdruck stammt aus dem Kinderbuch Alice im Wunderland, in dem Protagonistin Alice einem Kaninchen folgt und in eine fantastische Welt hinabfällt.

Das soll TikTok anders machen

Brüssel verlangt nun, dass TikTok das Design des For-You-Feeds in Europa ändert. Bisher orientieren sich die Empfehlungen zum Beispiel an den Aufrufen und der Wiedergabezeit von Videos. Künftig soll sich TikTok laut EU-Kommission auf die ausdrücklichen Angaben von Nutzer:innen verlassen, welche Art von Inhalten sie sehen wollen.

Möglichkeiten zur Kontrolle des Feeds sollen zudem einfacher und besser zugänglich sein. Und TikTok soll seine Empfehlungssysteme regelmäßig testen. „Wir sind der Ansicht, dass TikTok sein Geschäftsmodell in Europa ändern muss, um die Vorschriften einzuhalten und unsere Bürger wirksam zu schützen“, erklärte der Kommissionssprecher.

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Es ist nicht das erste Mal, dass die Kommission TikTok vorläufig Verletzungen des DSA vorwirft. Im Rahmen des noch laufenden DSA-Verfahrens kritisierte die Kommission im Februar bereits das suchtfördernde Design der Plattform und im Juli den mangelhaften Schutz von Minderjährigen.

Ziel ist nicht Strafe, sondern Lösung

In einem weiteren Verfahren stellte die Kommission im Oktober 2025 vorläufig fest, dass bei unter anderem TikTok der Datenzugang für Forschende nicht wirklich funktioniere. Ein Verfahren zur Werbetransparenz wurde jedoch durch verbindliche Verpflichtungen TikToks im Dezember 2025 abgeschlossen. Ähnliche Verfahren laufen noch gegen andere Plattformen, etwa Snapchat und die Meta-Plattformen Instagram und Facebook.

Bisher sei TikTok kooperativ gewesen, betonte die EU-Kommission. Wie in vorherigen Fällen sei das Ziel der Behörde, das Problem zu beheben, nicht eine Strafe zu verhängen. Sollte TikTok aber keine ausreichenden Änderungen anbieten, könnte Brüssel eine Geldstrafe verhängen – in Höhe von bis zu sechs Prozent des jährlichen weltweiten Umsatzes. Bisherige Strafen fielen deutlich niedriger aus.

TikTok hat nun das Recht, sich zu verteidigen. Die DSA-Verfahren haben keine konkreten Fristen. Parallel wird in Brüssel der Kids Act verhandelt, den die EU-Kommission im September vorstellte und der den Plattformen neue Pflichten rund um Jugendschutz und Alterskontrollen auferlegen soll. Nächsten Mittwoch soll außerdem der Entwurf der EU-Kommission für das Gesetz über digitale Fairness (Digital Fairness Act, DFA) erscheinen.

Über die Autor:innen

  • Anna Ströbele Romero

    Anna berichtet als freie EU-Korrespondentin aus Brüssel. Sie interessiert sich für die Regulierung von Plattformen, digitale Souveränität und Cybersicherheit. Mit großer Neugier verfolgt sie, wie die Digitalisierung in anderen Ländern angegangen wird.

    Kontakt: E-Mail (OpenPGP)

    Foto: privat


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